Was will ich mal mit meinem Leben anfangen? Soll ich studieren? Soll ich eine Ausbildung machen? Was? Wo? Wie? Und vor allem warum?

Fragen über Fragen, die einem in der verdammt stressigen Abizeit noch mehr als nur den letzten Nerv rauben. Es ist nunmal nicht immer so einfach wie bei Moni Mustermann, die schon seit ihrer Kindheit weiß, dass sie Krankenschwester werden will.

Ich bin übrigens Joana, 24 Jahre alt und hatte zu dieser Zeit so ziemlich die größten Selbstzweifel und Zukunftsängste, die ein Mensch in unserer Gesellschaft nur haben kann. Letztlich habe ich mich für eine Ausbildung als Medienkauffrau entschieden und bin überglücklich damit. Dies ist aber gerade zweitrangig.

Wie ich dazu gekommen bin? Wie ich meine Selbstzweifel überwinden konnte?

Ganz einfach: Ich habe mich aus dem Staub gemacht…

Natürlich habe ich mich nicht einfach in einer dunklen Ecke versteckt und gewartet, bis die Zukunft an meinem Rockzipfel zerrt und mich auffordert mit ihr zu gehen. Nein, ich bin auf Reisen gegangen, habe Selbstvertrauen gewonnen und viel dazugelernt, um letztendlich Stärken und Schwächen an mir zu finden. Diese Erkenntnis hat mir den nötigen Schubser in Richtung Zukunft gegeben.

Nach dem Abi, so dachte ich mir, mache ich erst einmal Pause! Genug gelernt, genug Stress gehabt. Ich gehe einfach weg. Da mich die Englische Sprache schon lange begeistert, wollte ich unbedingt einmal in ein englisch sprachiges Land reisen, um dort zu arbeiten und mein Sprachvermögen zu perfektionieren. England liegt da nahe, ist aber wiederum nicht weit genug weg… Schließlich entschied ich mich für Neuseeland: Berühmt für eine sagenhafte Landschaft und vor allem (für alle Nerds da draußen) wurde dort ein Großteil der „Herr der Ringe“ Filme gedreht. Dort hin zu kommen ist nicht ganz so einfach. Besonders, wenn man nicht mit einer Work and Travel Organisation reisen möchte. Die helfen einem vor Ort aber relativ wenig. Lediglich vor Reisebeginn könnten sie teilweise nützlich sein, wobei ich der Meinung bin, dass man sich die nötigen Infos auch selbst beschaffen kann.

Man muss einiges dafür tun, um ein Aufenthalts- und Arbeitsvisum zu bekommen. Wichtig ist, dass man genug Taschengeld hat. Und das hatte ich nach einem halben Jahr, in dem ich extra nur für NZ jobben ging.

So, also die wichtigsten Sachen in meinen neuen 75 Liter Trecking Rucksack gepackt und nach Frankfurt an den Flughafen gefahren. Ich habe extra wenig geschlafen, damit der Flug nicht so langwierig wird. Schließlich beträgt die reine Flugzeit durchschnittlich 24 Stunden. Dazu musste ich einmal in Singapur und in Australien umsteigen. So kamen 28 Stunden Hinreise zusammen. Dann endlich in Auckland angekommen, trifft mich der absolute Temperaturschock. Klar, ich bin im Februar geflogen, da ist in Neuseeland gerade Spätsommer. So habe ich Deutschland bei -15 °C verlassen und kam direkt ins 25-30°C warme Paradies. Und ein Paradies war es wirklich. Mein Freund, der schon vier Monate vorher in NZ ankam, holte mich mit unserem Van am Flughafen ab und dann konnte die Reise beginnen. Direkt vom Flughafen aus fuhren wir zu den Waitomo Caves, einer Ansammlung von Höhlen, in denen man zig tausende Glühwürmchen glühen sehen konnte.

So wie die Reise angefangen hat, ging sie auch weiter. Zunächst dachte ich auch nicht an die Arbeit. Erstmal mit dem Camper Van die Nordinsel mit ihrer Fassettenreichen und unfassbar schönen Landschaft erkunden. Je weiter man in den Norden geht, umso wärmer wird es. Anfangs ist es etwas verwirrend und seltsam, wenn man sich auf der komplett anderen Hälfte der Erdkugel befindet aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran.

Nachdem wir auf der Nordinsel Dinge erleben konnten, wie Schwefelseen und kochende Quellen, einen 90 Meilen langen weißen Sandstrand, oder auch das Land der Hobbits und ein Teil von Mordor, ging es erst einmal ans WWOOFing, um die letzte Zeit bis zu unserer Schifffahrt auf die Südinsel zu überbrücken. Was WWOOFing ist? Ausgeschrieben bedeutet es „World Wide Opportunities on Organic Farms“. Das heißt im Grunde genommen, man arbeitet höchstens vier Stunden am Tag bei einer Familie oder einer Farm, die sich größtenteils von organischem Essen ernährt und es auch meist selbst herstellt. Dafür darf man dort umsonst wohnen, duschen und essen. Das mit dem Duschen kommt einem sehr gelegen, wenn man Wochen lang mit einem Camper Van unterwegs ist. Da kann man nämlich nur duschen, wenn gerade öffentliche sanitäre Einrichtungen in der Nähe sind. Den Van verkauften wir dann kurzerhand an einen Schrotthändler – dieses Teil hätten wir auch sonst niemandem mehr andrehen können.

Dann kam die Fahrt auf die Nordinsel. Von „Windy Wellington“ aus nach Picton. Eins kann ich sagen: Das ist nichts für Menschen mit schwachen Mägen. Ich hätte mich selbst als eine knallharte Kämpfernatur bezeichnet, aber bei einem solchen Sturm wurde sogar ich seekrank.

Auf der Südinsel angekommen, mussten wir uns einen Job suchen, denn so langsam wurde das Moos knapp. Gesagt, getan. Nach zwei Wochen in Blenheim (Marlborough) fanden wir ein so genanntes Working Hostel, bei dem die Besitzer nach Jobs für Backpacker (also uns) suchen. So lebten wir zwei Monate lang im Lemontree (so hieß das Hostel) in einem 10-Bett-Zimmer und arbeiteten als Grape Picker, zu deutsch: wir haben Trauben geerntet. An das 10-Bett-Zimmer muss man sich erst einmal gewöhnen, aber wenn ich jetzt daran zurückdenke, war das die schönste Zeit in meinem bisherigen Leben. Wir verstanden uns alle ziemlich gut miteinander – mit einigen habe ich sogar heute noch Kontakt – und machten zwischenzeitlich sogar einen Road Trip zu Fünft. Das Arbeiten machte nach und nach auch immer mehr Spaß. Da es in Neuseeland einen Mindestlohn von 13,50 $ gibt, hat man auch nicht ganz so schlecht dabei verdient. Leider ging diese Zeit relativ schnell zu ende und jeder ging wieder seinen eigenen Weg. Meinen Freund und mich verschlug es weiter in den Süden. Zunächst via Hitchhiking. Man könnte meinen, das sei sehr gefährlich und hier in Deutschland würde ich so etwas auch niemals machen, aber die Mentalität in Neuseeland ist eine komplett andere. Hier geht man freundlich auf einander zu und ist glücklich neue Menschen kennenzulernen. Da ist Hitchhiking – oder wie man in Deutschland sagt: Trampen – eine gute Art dies zu tun. Hätten wir das nicht gemacht, hätte ich einige Dinge nicht sehen können, wie zum Beispiel einen Robben Kindergarten. Richtig, einen Ort, an den Robben Mamas ihre Kleinen hinschicken, weil sie dort sicher sind. Und das vollkommen ohne menschliche Eingriffe. So habe ich ca. 50-60 Robben Puppies auf einem Haufen gesehen, die miteinander spielten, sich sonnten und überhaupt das Leben genossen.

Jedoch kann man nicht überall hin trampen. Dazu ist die Insel zu schwach bewohnt und die schönsten Stellen sind einfach zu schwer zu erreichen. Also liehen wir uns einen Camper Van und bereisten damit die restliche Südinsel. Mittlerweile wurde es Winter – die perfekte Zeit, um einen Gletscher zu besteigen und Skifahren zu gehen. Letzteres haben wir leider ausgelassen, weil uns Zeit und Kohle fehlte. Trotzdem war es ein aufregender Trip, bei dem ich so einiges erleben durfte. Ganz im Süden konnten wir letztlich sogar wilde Pinguine beobachten.

Ich kann nur jedem empfehlen auch eine gewisse Zeit im Ausland zu verbringen. Warum? Man lernt neue Kulturen kennen, die man im Urlaub so niemals so erleben könnte; man gerät an Ecken, die man als normaler Tourist nie zu Gesicht bekäme; Man lernt Menschen aus der ganzen Welt kennen, was einem in der Zukunft einmal viel nützen könnte; Man hat eine superschöne Zeit allein in der freien Welt, aber vor allem: Man wird eigenständig und lernt sich selbst besser kennen! Und das ist das wichtigste! Das sind Dinge, die man für’s Leben lernt und nie wieder vergisst. Gerade Neuseeland hat mich mit seiner atemberaubenden Landschaft so sehr begeistert, dass ich gerade, wenn ich darüber nachdenke, schon wieder Fernweh bekomme und am liebsten sofort noch einmal los düsen würde.