Wenn sich deine Schullaufbahn nun langsam dem Ende neigt und du vielleicht sogar schon weißt, was du danach vorhast, dann stellt sich dir sicherlich die Frage: Ziehe  ich von Zuhause aus? Und wenn ja, wäre eine Wohngemeinschaft etwas für mich oder sollte ich lieber alleine leben?

Ich habe mich deshalb auf den Weg gemacht und in zwei verschiedenen WGFormen übernachtet, damit ich dir meine Eindrücke schildern kann. Sind Mädchen wirklich sauberer als Jungs? Wie sieht es in einer Misch-WG aus? Es herrscht die allgemeine Auffassung, dass man reine Jungs-WGs doch lieber meiden sollte, wenn man nicht gerne von Müll, Essensresten und Bierflaschen  umgeben sein möchte… Klischees über Klischees und ich stehe mittendrin und weiß nicht genau, was ich glauben soll. Deshalb mein Selbstversuch:

Ich setze meinen Fuß über die Türschwelle und nehme direkt den sanften Geruch von abgestandenem Bier wahr. Zwei prall gefüllte Plastikmülltüten lächeln mir im Flur entgegen und ich frage mich, wie lange sie dort schon darauf warten, um in den Keller gebracht zu werden. Dann tritt mir Fine entgegen, das einzige Mädchen in der Dreier-WG. Strahlend empfängt sie mich und öffnet ihre Arme für eine liebenswerte Umarmung. Mein anfänglich beklemmendes Gefühl der Unbehaglichkeit entfacht nun zu einem heimeligen Wohlgefühl. Fine heißt mich herzlich willkommen und bietet mir frisch gebrühten Kaffee an.

Auf der Couch, die sich mitten in der Küche am Esstisch befindet, nehmen wir Platz und fangen an, uns zu unterhalten. Wie sie dazu gekommen ist, sich unter zwei Jungs zu mischen, frage ich sie.
„Ach, Mädchen sind mir einfach zu sauber“, erklärt Fine und lacht dabei ein wenig. Sie studiert eigentlich in der Nähe von Erfurt, muss dort aber nicht mehr körperlich anwesend sein, weshalb sie im letzten Jahr in das „schöne“ Mannheim gezogen ist. Dorthin, wo ihr Freund wohnt. Sprich einer der Jungs, die sich mit Fine die 80 Quadratmeter große Butze teilen. Hannes setzt sich auch zu uns und wir sprechen über das Leben in einer Dreier-WG.

Was sind die Vor- und was die Nachteile? Sich endlich von den Eltern abzunabeln ist natürlich das, was uns alle davon überzeugen sollte, von zuhause auszuziehen. Eine WG scheint hier natürlich die beste Lösung zu sein, da man sich ja nicht so mir nichts dir nichts eine komplette Wohnung alleine leisten kann. Egal ob Student, dualer Student, Azubi, Praktikant oder sonst was – steht man am Anfang seiner Ausbildung, zählt man im Normallfall nicht unbedingt zu den Großverdienern. Jeweils 350 Euro zahlen Hannes, Fine und Thomas. Im Preis mit inbegriffen sind Warmmiete,  Telefon und Internet sowie die Stromkosten.

Endlich kommt auch der Dritte im Bunde, Thomas, von der Arbeit nach Hause und bringt ein Paar Getränke mit, damit der Abend noch geselliger wird. Er hat im letzten Jahr seine Ausbildung zum Fleischfachverkäufer beendet und ist nun fest bei seinem ehemaligen Ausbildungsunternehmen angestellt. Eigentlich könnte er sich eine eigene Wohnung leisten, aber das Leben in einer WG möchte er noch nicht gegen das eines Normalverdieners eintauschen. „Man ist einfach nie wirklich alleine“, erklärt er. „Natürlich, wenn ich alleine sein möchte, kann ich mich locker in mein Zimmer zurückziehen, aber wenn ich in Gesellschaft sein will, ist eigentlich immer jemand da.“ Immer jemand, mit dem man reden oder auch witzeln kann. Streiten gehört auch zum Wochenplan der Drei. „Auch wenn ich vorhin noch gesagt habe, dass mir Mädchen zu sauber sind, ganz im Dreck versinken möchte ich trotzdem nicht.

Da gibt es schon auch mal Streit, wenn sich einer der Zwei wieder mal nicht an unseren Putzplan hält.“ Dabei grinst Fine augenblicklich zu Thomas hinüber, der schuldbewusst die Hände über sein Gesicht legt. Dann fangen sie an zu lachen und stoßen erst einmal an. Bis tief in die Nacht sitzen wir auf der Couch, hören zwischenzeitlich Musik, reden, machen Witze, haben Spaß. Thomas geht schon früher ins Bett, denn um 5 Uhr muss er wieder raus. Dass wir trotzdem wach bleiben und uns unterhalten, stört ihn kein bisschen. „So ist das eben in einer WG.“ Ich darf auf der Couch übernachten und werde am Morgen ganz kurz wach, als Thomas Kaffee kocht. Um 9 Uhr stehe ich dann auf und gönne mir einen Schluck des köstlichen Gebräus, das noch von der 5 Uhr Schicht übrig ist. Fine und Hannes gesellen sich zu mir und wir frühstücken zusammen. Gemeinsam machen wir dann noch den Abwasch und unter der Prämisse, mit den dreien in Kontakt zu bleiben, verlasse ich die etwas chaotische, aber doch urgemütliche Misch-WG. Eine Woche später darf ich in einer reinen Mädels-WG unterkommen. Alisa und Selenia studieren beide an der DHBW in   Mannheim. Ihre Ausbildungsunternehmen sind ebenfalls hier in der Nähe ansässig, daher ist die Wohnsituation für sie in Mannheim sehr praktisch. Nicht nur an der gleichen Hochschule, sondern auch im gleichen Studien- und Jahrgang befinden sich die Zwei. Alisa öffnet mir die Tür und lässt mich eintreten. Es riecht nach Blumen und Vanille. „Eine seltsame Kombination“, denke ich mir und frage, wo die Duftkerze steht. Denn das möchte ich mir mal genauer anschauen. „Welche?“ fragt Selenia lachend. Denn überall verteilt findet man Kerzen, Blümchen und Deko-Artikel.
Schlicht gehalten, aber dennoch stylisch. Eine schöne Mischung aus Schabby-Schick und Industrieromanze, gepaart mit dem jugendlichen Charme von Schnaps- und Sektflaschen, die in der Küche fast überall dekorativ zu finden sind.

Wir setzen uns an den dunkelbraun glänzenden Küchentisch und mir werden Kaffee, Sekt und Süßigkeiten angeboten. Schwarz-weiß gestreifte Untersetzer liegen auf dem Tisch bereit, damit dieser frei von Flecken und Krümeln bleibt. „Wir kochen heute zusammen. Auf was hättest du denn Lust?“ fragt mich Alisa. Ich habe keine Ahnung, weshalb wir einfach unvoreingenommen in den nächsten Supermarkt fahren und versuchen, beim Einkaufen kreativ zu werden. Nudeln mit Scampi und selbst gemachtem Basilikum-Pesto und dazu ein Rucola Salat – das wird es heute Abend geben. Zuhause angekommen, verbindet Alisa ihr Handy mit den Boxen und wir beginnen zu der Musik von Justin Bieber und Ed Sheeran zu kochen.

Es wird laut mitgesungen und getanzt. Nebenbei trinken wir immer wieder ein kleines Schlückchen Sekt. Es kommt mir so vor, als würde mein Glas gar nicht leerer werden. Bis ich Selenia dann einmal dabei erwische, wie sie heimlich nachschenkt. Fies, aber lustig. Beim Essen kommen wir dann ins Gespräch. Warum die beiden zusammengezogen sind, will ich wissen. „Als ich mich von meinem Freund getrennt habe, wollte ich auf gar keinen Fall wieder zurück zu meinen Eltern ziehen. Das klappt einfach nach zwei Jahren Freiheit nicht mehr“, erklärt Alisa. Genau zu diesem Zeitpunkt ist Selenia aus ihrem Auslandssemester zurückgekehrt. „Wir kannten uns ja schon und hatten uns da schon lieb“, sagt sie. Jetzt ist daraus eine Freundschaft entstanden, die man schon fast wie eine Beziehung sehen kann. Sie teilen sich alles, ob Essen, Klamotten, Schminke oder Geheimnisse. Ich frage, wie das läuft, wenn eine von beiden einen Freund hat. Selenia lacht. „Ich habe einen“, sagt sie schmunzelnd. „Der wird natürlich nicht geteilt. Aber er fügt sich hier genauso ein, wie ich und so sind wir statt zu zweit, einfach oft auch zu dritt.“ Weil morgen Samstag ist, macht es den Hausbewohnern, die ebenfalls junge Leute sind, nichts aus, dass wir den ganzen Abend über laut Musik hören, tanzen und laut lachen.

Dabei dürfen natürlich Sekt und Wein nicht fehlen. Gegen 22 Uhr kommen Freunde aus der Nachbarschaft vorbei und der Abend wird feuchtfröhlich. Ich schlafe bei Alisa im Bett. Nach dem Aufwachen schleichen wir uns in Selenias Zimmer am anderen Ende des Flurs und wecken sie auf. Schließlich haben wir Hunger und alleine frühstücken gibt es in dieser WG nicht. Alisa lacht herzlichst über das angenervte Gesicht ihrer Mitbewohnerin, als wir uns auf sie schmeißen. „Ich werde auch oft so geweckt. Und meistens springt Selenias Freund auf mich drauf.“ Nach dem Frühstück spazieren wir gemütlich über den Markt und schauen nach frischem Obst und Gemüse. Wir verabschieden uns, machen zur Erinnerung noch ein Selfie und ich gehe wieder nach Hause.

Grundverschieden waren die beiden Abende und doch hatten sie eine große Gemeinsamkeit. Wer jetzt denkt, ich spreche vom Alkoholkonsum hat weit gefehlt. Wichtig ist, dass wir zusammen waren. Man verbringt viel Zeit miteinander, wenn es sich nicht gerade um eine Zweck-WG handelt. Letztendlich solltest du natürlich selbst entscheiden, wie du dein Leben nach dem Schulabschluss gestalten möchtest. Ich persönlich kann aber jedem raten, es wenigstens einmal auszuprobieren. Selbst wenn man zunächst nicht der geselligste Typ ist – praktisch ist eine WG allemal. Ich selbst habe schon in verschiedenen Arten von WGs gelebt. Jede hat ihren eigenen Charme, aber im Endeffekt erfüllen die meisten die über sie gelegten Klischees. Ich denke, deshalb ist vielleicht auch klar, warum ich mich nicht gewagt habe, in einer reinen Männer-WG zu übernachten…

//jor