Mario, 25 Jahre, hat nach Abschluss seiner Fachhochschulreife ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer psychiatrischen Einrichtung absolviert. Aktuell studiert er Philosophie und arbeitet im Drogenkonsumraum (umgangssprachlich Fixerstube). Im Interview mit abgehn! berichtet er über dieses spannende und außergewöhnliche Arbeitsumfeld.

Habt bitte Verständnis, dass wir aufgrund von Diskretion leider kein Bild und keine genauen Angaben zum Arbeitsplatz unseres Interviewpartners abbilden können.

 

Wie sieht dein Alltag in der Fixerstube aus?

Kurz vor Schichtbeginn müssen die Positionen aufgeteilt werden. Es gibt fünf Mitarbeiter, die im Erdgeschoss im Aufenthaltsbereich arbeiten und drei Mitarbeiter, welche auf der Konsumraumebene arbeiten. Meist fange ich oben in der Konsumebene an. Dort ist jeweils ein Mitarbeiter im intravenösen Konsumraum eingeteilt und zwei sind an der Theke. Hier werden die jeweiligen Materialien ausgeteilt: sauberes Spritzbesteck, Desinfektionstücher, Ascorbinsäure, Löffel und weiteres. Stundenweise wechseln sich die Kollegen im Konsumraum ab. Nach drei Stunden tauschen dann die Teams oben und unten. Eine Schicht umfasst insgesamt sechs Stunden.

Was sind deine Aufgabenbereiche?

Die Aufgabenbereiche sind ganz unterschiedlich. Wie schon erwähnt, gibt es zwei Ebenen: Auf der Konsumebene geht es vor allem darum, bei Heroinüberdosierungen Erste Hilfe zu leisten. Wird eine Überdosis erkannt, gilt es den Klienten zu beatmen, bis der Notarzt eintrifft. Dieser gibt, je nach Schwere des Notfalls, ein Gegenmittel. Da durch eine Heroinüberdosis einzig die Atmung zum Erliegen kommt, der Herzschlag jedoch nicht aussetzt, müssen vorerst keine weiteren Maßnahmen eingeleitet werden. Ansonsten sind die Aufgabenbereiche vielfältig: Wir fungieren teilweise als Moderatoren, um die Einrichtung so weit möglich gewaltfrei zu halten. Sollte eine Situation eskalieren, wird je nach
Schwere die Polizei hinzugerufen. In jedem Fall werden im Nachhinein die Vorfälle besprochen und Hausverbote abgewogen. Auch sind wir Ansprechpartner, falls die Klienten etwas auf dem Herzen haben, zum Beispiel eine Vermittlung an Sozialarbeiter, Entgiftungen, Therapien oder einen Heroinersatz wünschen. Je nach Situation bedarf es jeweils ganz  unterschiedliche Vorgehensweisen.

Wie kamst du darauf, in einer Fixerstube zu arbeiten?

Das kam ganz zufällig: Nach einiger Zeit im Studium erzählte mir ein Freund von diesem Job und dass Leute gesucht werden. Mein Interesse war sofort da und ich habe mich einfach dort beworben. Dann wurde ich eingeladen, mir wurde alles erklärt, die Einrichtung wurde mir gezeigt und ich sollte mir überlegen, ob ich das wirklich machen möchte. Das tat ich und habe dann recht schnell dort angefangen.

Auf welche Persönlichkeiten trifft man?

Das ist ganz unterschiedlich! Unser Klientel ist ein ganz uneinheitlicher Haufen aus allen möglichen Nationen und sozialen Schichten. Es lassen sich trotzdem einige Parallelen in den Biographien der Klienten feststellen: Viele Leute haben eine tragische und/oder traumatische Lebensgeschichte. Außerdem machen die Umstände des Drogenkonsums, welche oft mit einem Leben auf der Straße und in der Szene Hand in Hand gehen, die Klienten öfter sehr selbstbezogen und egoistisch. Sie müssen rund um die Uhr darauf bedacht sein, nicht in der Szene unterzugehen, ausgenutzt oder betrogen zu werden. Das merkt man oft im Umgang mit ihnen. Trotzdem kann hier nicht wirklich von einem „Musterklienten“ gesprochen  werden.

Was sollte man mitbringen, um in solch einer Einrichtung zu arbeiten? Wem würdest du sogar abraten?

Ich glaube es ist wie in allen sozialen Jobs und Berufen: Das Allerwichtigste ist, sich abgrenzen zu können. Das, was in der Einrichtung geschieht, muss auch dort bleiben. Denn die Erlebnisse mit ins Privatleben zu nehmen, würde unangenehme Folgen haben. Man ist bei der Arbeit nun einmal mit viel Leid – sowohl psychischem als auch körperlichem – und vielen ganz schwierigen und komplizierten Situationen konfrontiert. Und diese dann mit nach Hause zu nehmen, würde der eigenen psychischen Gesundheit gar nicht gut tun! Ansonsten ist es noch sehr wichtig, die richtige Balance zwischen einer gewissen Nähe, aber auch dem nötigen Abstand zum Klientel zu halten. Man muss sich bewusst sein, dass das eigene Leben ganz anders aussieht, als das des Klienten. Hierdurch entsteht schon ein gewisser Graben, der sich so einfach nicht auflösen lässt. Gleichzeitig versuchen die Klienten des Öfteren, auch privaten Kontakt zu knüpfen, gerade wenn man sich im professionellen Kontext gut versteht und miteinander arbeiten kann. Hier gilt es dann eben, diesen Drahtseilakt einzugehen und gut zu meistern: Einen Schritt auf die Klienten zugehen und  gleichzeitig Grenzen zu setzen. Deshalb würde ich jungen Menschen von diesem Job abraten, die hiermit Probleme haben und emotional reagieren.

Was war die krasseste beziehungsweise emotionalste Erfahrung während deiner Tätigkeit?

Ich kann das gar nicht so wirklich beantworten. Viele Situationen merke ich mir gar nicht und auf Grund beschriebener Dinge lösche ich ganz viel ganz schnell wieder aus meiner Erinnerung. Das ist vielleicht eine Art Selbstschutz. Es ist immer sehr schön, wenn die Arbeit von den Klienten honoriert wird. Das ist keine Selbstverständlichkeit, daher freut man sich natürlich sehr darüber.

Wie stellst du dir deine berufliche Zukunft vor?

Ich möchte mein Studium beenden. Anschließend möchte ich gerne mit Drogenprävention in Schulen oder andere Einrichtungen gehen. Dort können mir die Erfahrungen, die ich jetzt hautnah sammeln kann, wirklich weiterhelfen und vielleicht kann ich authentisch einen positiven Beitrag leisten, um jungen Menschen zu helfen, nicht in ein solches Leben abzurutschen. Eine offene, vorurteilsfreie Aufklärung zum Thema Drogen ist wohl die beste Prävention. Bei der Arbeit im Konsumraum begegne ich Menschen, die bereits ein Suchtproblem haben, deshalb würde ich mir wünschen, vorbeugend arbeiten zu können – also dort, wo es noch nicht zu spät ist.

Danke für das Gespräch Mario! //ls

 

 

Infoquellen

 

Drogenkonsumraum:

  • Einrichtung, welche die Ausstattung für einen risikominimierenden Konsum von zum Beispiel Heroin oder Kokain bereitstellen
  • Hat den Zweck, Infektionenmit Krankheiten durch unsauberen Drogenkonsum einzudämmen
  • Der erster Drogenkonsumraum eröffnete 1986 in Bern (Schweiz)

Intravenösen Konsumraum:

  • Intravenös kommt vom lateinischen und bedeutet „in einer Vene“
  • Direkte Verabreichung eines Medikaments oder einer Flüssigkeit in ein venöses Blutgefäß